Zum Hauptinhalt springen

Soziale Medien fördern Tierleid: Veterinäre warnen vor problematischen Trends mit Haustieren

Veröffentlicht am : 01. Juni 2026
Seitenbesucher: 68

Die Fachgruppe für Verhaltensmedizin bei Tieren (Gemca), die zur Vereinigung der auf Kleintiere spezialisierten Tierärzte (Avepa) gehört, hat einen Beitrag des Experten Germán Quintana veröffentlicht. Darin analysiert er die Auswirkungen sozialer Netzwerke auf das Tierwohl und warnt vor den Risiken vieler viraler Trends, bei denen Haustiere im Mittelpunkt stehen.

Die Studie verdeutlicht die enorme Präsenz von Tieren auf digitalen Plattformen. Allein auf TikTok verzeichnet der Hashtag #dog mehr als 640 Milliarden Aufrufe, während #cat die Marke von 300 Milliarden Aufrufen überschritten hat.

Darüber hinaus wird geschätzt, dass auf Instagram rund zwei Millionen aktive Accounts von Haustier-Influencern existieren. Etwa 35 Prozent der Hunde- und Katzenhalter weltweit haben mindestens ein Profil für ihr Tier erstellt. Diese Popularität hat zur Entstehung einer Haustier-Influencer-Industrie geführt, deren Marktwert im Jahr 2024 auf über 1,4 Milliarden US-Dollar geschätzt wurde.

Virale Trends gefährden das Wohlbefinden von Tieren

Hinter den Millionen von Aufrufen und positiven Reaktionen verbirgt sich jedoch eine besorgniserregende Realität. Eine im Journal of Applied Animal Welfare Science veröffentlichte Studie untersuchte 162 virale Videos, die als „lustig“ eingestuft wurden, und kam zu dem Ergebnis, dass 82 Prozent Tiere mit deutlichen Anzeichen von Stress, Angst oder Unwohlsein zeigten.

Zudem bestand bei 52 Prozent der Tiere ein Verletzungsrisiko, bei 30 Prozent waren Hinweise auf Schmerzen erkennbar und in 32 Prozent der Videos wurden Tiere mit sogenannten Qualzuchtmerkmalen gezeigt, überwiegend brachyzephale Rassen.

Besonders bemerkenswert: 93,8 Prozent dieser problematischen Videos galten nach ihren Interaktionswerten als erfolgreich. Dies zeigt, dass viraler Erfolg häufig mit Inhalten verbunden ist, die das Wohlbefinden von Tieren beeinträchtigen.

Zu den besonders bedenklichen Trends zählt die sogenannte „Cucumber Challenge“. Dabei wird einer Katze während des Fressens heimlich eine Gurke hinter den Rücken gelegt, um eine Schreckreaktion auszulösen. Laut dem Artikel kann diese Praxis intensive Angstreaktionen, langanhaltenden Stress, die Vermeidung des Futterplatzes und sogar Verletzungen durch panikartige Sprünge verursachen.

Kritisch betrachtet werden auch die beliebten Videos sogenannter „schuldiger Hunde“. Nach den im Artikel zitierten Studien sind Verhaltensweisen, die viele Menschen als Schuldbewusstsein interpretieren – etwa angelegte Ohren, eingezogene Rute, Vermeidung von Blickkontakt oder Lippenlecken –, in Wirklichkeit Beschwichtigungssignale gegenüber dem wahrgenommenen Ärger des Halters und Ausdruck von Angst.

Weitere problematische Trends umfassen Herausforderungen mit potenziell giftigen Lebensmitteln, das Färben des Fells von Haustieren, das Anziehen von Kostümen, die die Bewegungsfreiheit einschränken, erzwungene Interaktionen zwischen Tieren und Babys sowie Trainingsmethoden, die auf Bestrafung beruhen.

Stresssignale werden häufig als lustiges Verhalten missverstanden

Ein zentrales Thema des Artikels ist die Diskrepanz zwischen menschlicher Interpretation und dem tatsächlichen emotionalen Zustand von Tieren.

Bei Hunden werden Verhaltensweisen wie das sogenannte Whale Eye – wenn der Hund den Kopf abwendet, den Blick aber beibehält und dabei das Weiße des Auges sichtbar wird – häufig als komisch oder niedlich wahrgenommen und verbreitet. Tatsächlich handelt es sich jedoch oft um ein Zeichen von Unbehagen oder Angst.

Ebenso gelten Hecheln ohne Zusammenhang mit Hitze oder körperlicher Aktivität, Gähnen außerhalb von Müdigkeitssituationen oder Lippenlecken ohne vorhandenes Futter als typische Stresssignale.

Der Artikel weist außerdem darauf hin, dass menschliche Umarmungen von Hunden häufig als Ausdruck gegenseitiger Zuneigung verstanden werden. Aus ethologischer Sicht können sie jedoch eine Form der Bewegungseinschränkung darstellen und Stressreaktionen auslösen.

Bei Katzen werden erweiterte Pupillen, die sogenannten „Flugzeugohren“ sowie regungslose Reaktionen auf unangenehme Reize häufig als niedlich oder entspannt interpretiert. Tatsächlich spiegeln sie oftmals Angst oder Anspannung wider.

Die Rolle sozialer Medien bei der Popularität brachyzephaler Rassen

Der Artikel untersucht außerdem den Einfluss sozialer Netzwerke auf die Nachfrage nach bestimmten Hunderassen.

Als Beispiel wird die Französische Bulldogge genannt, die inzwischen den Labrador als beliebteste Hunderasse im Vereinigten Königreich überholt hat. Gleichzeitig verzeichnet der Hashtag #FrenchBulldog auf TikTok mehr als 12,8 Milliarden Aufrufe.

Den zitierten Studien zufolge handelt es sich bei vielen Besitzern brachyzephaler Rassen um Erstkäufer, die trotz Kenntnis der gesundheitlichen Probleme vor allem das äußere Erscheinungsbild des Tieres in den Vordergrund stellen.

Zu den bekannten Gesundheitsproblemen gehören das brachyzephale obstruktive Atemwegssyndrom (BOAS), eine verkürzte Lebenserwartung sowie hohe Kaiserschnittraten bei bestimmten Rassen.

Vor diesem Hintergrund wird daran erinnert, dass die Föderation der Tierärzte Europas (FVE) gemeinsam mit weiteren veterinärmedizinischen Organisationen Unternehmen aufgefordert hat, brachyzephale Tiere nicht länger in Werbekampagnen und digitalen Inhalten einzusetzen.

Das Dokument erinnert zudem daran, dass das spanische Tierschutzgesetz 7/2023 Tiere als fühlende Wesen anerkennt und die Verursachung unnötigen Leidens verbietet, digitale Inhalte jedoch nicht ausdrücklich regelt.

Ferner wird darauf hingewiesen, dass der Digital Services Act der Europäischen Union Plattformen verpflichtet, gegen rechtswidrige Inhalte vorzugehen. Seine Anwendung im Bereich des Tierwohls bleibt bislang jedoch begrenzt.

Obwohl Plattformen wie TikTok und Meta Inhalte im Zusammenhang mit Tiermisshandlung offiziell untersagen, zeigt der Artikel, dass die Durchsetzung dieser Regeln uneinheitlich erfolgt – insbesondere dann, wenn das Leid der Tiere subtil ist und keine offensichtliche Gewalt dargestellt wird.

Aufklärung und Prävention als Aufgabe der Tierärzteschaft

Angesichts dieser Situation hebt Germán Quintana die wichtige Rolle hervor, die Tierärzte bei der Aufklärung von Tierhaltern, der Vermittlung von Wissen über Stresssignale und der Förderung eines besseren Verständnisses tierischen Verhaltens spielen können.

Der Artikel betont die Bedeutung, typische Warnsignale wie Lippenlecken, angelegte Ohren, Whale Eye, Körpersteifheit, Gähnen oder den Versuch, sich einer Situation zu entziehen, richtig zu erkennen.

Zudem wird empfohlen, problematische Inhalte nicht zu kommentieren oder anderweitig zu fördern – selbst dann nicht, wenn die Kommentare kritisch gemeint sind. Auch negative Interaktionen tragen zur weiteren Verbreitung solcher Inhalte bei.

Abschließend kommt der Artikel zu dem Ergebnis, dass die Kombination aus wirtschaftlichen Anreizen, Algorithmen, die starke emotionale Reaktionen belohnen, und der häufigen Fehlinterpretation tierischer Signale ein digitales Umfeld geschaffen hat, in dem Tierleid zur Quelle von Unterhaltung werden kann.

Die hohe Zahl von Videos, die gestresste Tiere zeigen, normalisiere Verhaltensweisen, die mit den von der veterinärmedizinischen Fachwelt vertretenen Tierschutzstandards nicht vereinbar seien. Die Tierärzteschaft habe daher die Verantwortung, einen kulturellen Wandel anzustoßen und auch im digitalen Raum einen respektvolleren Umgang mit Tieren zu fördern.

R.B.

Werbung

Bitte helft uns, die laufenden Kosten für die Unterhaltung dieser Website aufzubringen, damit wir auch weiterhin unsere Informationen kostenlos anbieten können. Es gibt zwei einfache Möglichkeiten:

1) Geldspende (auch ganz kleine Beträge helfen uns) unter: https://www.paypal.com/paypalme/tierischebalearen

2) noch einfacher und ohne Kosten: Klickt einfach rechts neben dem Artikel auf unserer Website auf die Werbung und laßt die erscheinende Seite einen Augenblick stehen, bevor ihr weiter surft.

Vielen Dank für Eure Hilfe. Eure Redaktion von „Tierische Balearen“